Das Käthchen von Heilbronn -- oder -- Die Feuerprobe (Kleist)

Apr
2012

/ von Heinrich von Kleist

„Wohin flücht ich, Elender, vor mir selbst?“

Die Geschichte um den schwermütig-cholerischen Landesfürsten Graf Wetter vom Strahl und seine unbeirrbare Stalkerin ist bekannt. Taugt der schwermütig-cholerische Landesfürst Graf Wetter vom Strahl zum Alter Ego Kleists? Passt die Folie einer gläsernen Gesellschaft, die Privatsphäre nicht anerkennt und Abweichungen von der Norm medial ausschlachtet? Was verbirgt sich hinter der Maske Popularität und wer ist im Streulicht der Projektionen noch erkennbar? Wie viel Sehnsucht verträgt der Mensch? Die Inszenierung geht mit dem Grafen vom Strahl auf Heils- und Identitätssuche und befragt Kleists eigenes finales Credo, dass ihm „auf Erden nicht zu helfen war“, aus dem Blickwinkel des 21. Jahrhunderts.

Textliche und personelle Zusammenziehungen schaffen neue Rollenbilder und produktive Leerstellen. Eine Beschleunigung auf Jetzt-Zeit ist im ersten Teil des Abends Prinzip. Im zweiten wird Kleists Spiel um Traum und Wirklichkeit auf die Spitze getrieben, der Fluchtweg verriegelt und ein Wurmloch durch den Zerrspiegel des Mittelalters hindurch mitten ins Universum des Unbewussten generiert. Die theatralisch-musikalische Traumdeutung streift Kleistsche Lebensthemen wie Bindungsangst, gender trouble, Depression und Obsession über und ab, um mit den Protagonisten „die Reise um die Welt zu machen und zu sehen, ob das Paradies vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist“.

Konzipiert und produziert für das erst 2007 gegründete Stadttheater im mittelfränkischen Ansbach und für den Großteil der Probenzeit zu Gast im Berliner Theaterdiscounter, führte die Produktion schon in ihrer Entstehung ein Zwitterdasein zwischen subventioniertem Theater und freier Szene. Das Ensemble kehrt nach der Premiere in Ansbach konsequenterweise zum Ausgangspunkt seiner Reise zurück und beantwortet die Frage, ob Berlin eine weitere Käthchen-Inszenierung braucht, mit: „Ja, freilich!“


Mit Tina Arnz / Andreas Furcht / Klaus Gramüller / Johanna Niedermüller / Jennifer Sabel / Matthias O. Schneider / Christoph M. Schüchner Regie Mareile Metzner Ausstattung Alexandra Süßmilch Musik Tina Arnz Assistenz Janet Lehmann / Maria Maier Produktion Theater Ansbach in Kooperation mit dem Theaterdiscounter