Wo steht der Feind?

Mai
2006

Wo steht der Feind? -- Der Schacht von Babel I

Der Feind ist die eigene Frage als Gestalt. Der Feind steht auf der eigenen Ebene. Aus diesem Grund muss man sich mit ihm kämpfend auseinandersetzen, um das eigene Maß, die eigene Grenze, die eigene Gestalt zu gewinnen.

Die Figuren versuchen deshalb, sich gegenseitig als Feinde zu erkennen, um sich zu lieben, sich zum rechten Glauben zu bekehren, um gemeinsam zu missionieren. "Keine Zukunft" ist heute. Das wurde schon so oft gesagt: dass endlich etwas Sinnvolles getan werden muss, vielleicht sogar etwas, für das man sterben könnte.

Feindbilder entstehen als Nebenprodukte von Welt-verbesserungsprogrammen. Omnipotenter Bombenhagel und/oder die verortete Terrorstrategie versprechen die Fragen nach dem Sinn des Lebens beantworten. Der drohende Atomkrieg ist nur eines der Szenarien, welches das totale Feindbild voraussetzt. Handlungsbedarf besteht: Wo einer groß werden will, kann er seine Identität nur an der des Feindes gewinnen. Fundamentalismus formiert sich.

Auf der Suche nach den Orten des Schreckens und der höllischen Qualen besuchen wir die Schlachtfelder unserer Mütter und Väter und die unserer eigenen Gegenwart: 30. Juni 1990 in Berlin. Im Eimer auf der Rosenthaler Strasse spielt die Punkgruppe „Freygang“: "Ich stehe kurz vor dem Schrotthaufen. Ist egal wer gewinnt. Ist doch egal wer gewinnt. Jeder versucht seinen Arsch ins Trockne zu kriegen und jeder sucht ne Insel, auf der er sich festhalten kann."

3. Mai 2006 in Berlin: Den Ausgang aus dem Eimer versperrt uns seit zwei Jahren ein Klamottenladen? Wir schachten einen Tunnel von der Ostberliner Innenstadt bis in den Speckgürtel, vom entlaubten vietnamesischen Dschungel in das unterirdische Tunnelsystem des Vietcong: Wir graben den Schacht von Babel. Aber: Wo steht eigentlich der Feind?


Regie Philipp Guhr Mit Ines Honsel / Toni Jessen / Ada Labahn / Linus Müller / Harry Beauchamps Text Johannes Kraak Bühne Romy Springsgut Dramaturgie Sarah Ross