Reconstructing Fräulen Julie von August Strindberg

Okt
2007

Etwa 15 Minuten lang passiert anscheinend nichts. Allerdings hört man das Geräusch einer Nadel, die endlos auf der letzten Rille einer Schallplatte läuft, so dass es leise kratzt. Die Schauspielerin betritt die beinahe dunkle Bühne. Sie zieht ihre Turnschuhe aus und rote High Heels an. Aus dem Dunkel tritt ein Schauspieler. Sie sprechen kaum. Allein beim gemeinsamen Tanz, im Rausch, gibt es Momente von Nähe. Ansonsten versucht sie im Verlauf des Abends immer wieder vergeblich mit ihm in ein Gespräch zu kommen. Die Zeit kreist, gelegentlich scheint sie zu stehen. Am Ende ist "Jean" wieder im Dunkel verschwunden. Die Nadel des Plattenspielers kratzt endlos weiter auf der letzten Rille.

"Reconstructing Fräulein Julie" von August Strindberg markiert für den Regisseur und Videokünstler Sven Mundt den Beginn eines Arbeitsprinzips von sporadischen Begegnungen zweier Menschen bzw. Schauspielern über einen längeren Zeitraum und einer seriellen Aufführungspraxis über mehrere Jahre. Mit jeder Probe, mit jeder Begegnung wird immer wieder an einem Nullpunkt begonnen, um dann -- viel später -- diese Begegnungen in der Aufführungssituation zu rekonstruieren, und sich die Zeit zu nehmen, die für diesen Vorgang notwendig ist -- nicht zu spielen, sondern zu denken.

Ausgehend von dem naturalistischen Trauerspiel "Fräulein Julie" von August Strindberg, in dem er von dem Kokettieren der impulsiven Grafentochter Julie mit dem nüchternen Diener Jean bei einem Mittsommernachtsfest erzählt , bleiben nur die Figurengerüste übrig. Eine Frau und ein Mann, die sich zufällig begegnen und alles übereinander erfahren wollen, aber mit der Zeit erkennen müssen, dass Erfahrungen, Lebensverhältnisse, Wünsche, Träume und die dadurch beeinflusste Persönlichkeit es nicht ohne Weiteres einfach machen, sich wirklich nahe zu kommen. Die Zuschauer werden Zeugen eines ritualisierten Ablaufs des Erinnerns, in dem die Situationen der Neugierde, der Hoffnungen, der Euphorie, der Verfehlungen und der Ernüchterung in Echtzeit wieder hergestellt werden.Man könnte den Abend verstehen als vergeblichen Versuch einer weiblichen Figur, für sich "Fräulein Julie" zu rekonstruieren, außerdem sich selbst als Fräulein Julie zu rekonstruieren.


Mit Sonchai Körner / Yves Hanke Konzept und Leitung Sven Mundt