DIE WELT IM RÜCKEN

/ von Thomas Melle

Jul
2017

/ von Thomas Melle

Die Fiktion muss pausieren. Der Theater- und Romanautor Thomas Melle hat mit seinem neuesten Werk Die Welt im Rücken die Fiktion verlassen und erzählt dennoch von Beschleunigung und Erfindung, Irrsinn, Wahnsinn: in umwerfender Ehrlichkeit protokolliert er seine eigene manisch-depressive Erkrankung; wie er den Zug nicht mehr anhalten konnte, aus allen Freundschaften, der Arbeit und dem brüchigen normalen Leben herausfiel. In einer installativen Lesung vollziehen drei Schauspieler diesen brutalen und folgenschweren, am Ende wieder tröstlich verlaufenden Weg nach.


Thomas Melle trifft Foucault oder Thomas Bernhard im Wuppertaler Bahnhof, kippt Picasso im Berghain Rotwein auf die Hose, erinnert sich an Sex mit Madonna und hört Björk live in der Bar nebenan. Die Krankheit korrumpiert den Kern der Persönlichkeit, gleicht einem Hacker-Angriff auf das Selbst.


Für den Maniker hängt alles mit allem zusammen. Melle lässt sich treiben durch die Stadt, die Clubs und wird immer heftiger von dem Gefühl befallen, aus der Bahn geworfen zu sein. Da ist ein Abstand zwischen ihm und der Welt, den er glaubt, überwinden zu müssen, nicht nur für Stunden oder Tage, sondern grundsätzlich. Anstrengung, Verschwendung, Erschöpfung – all das folgt innerhalb kürzester Zeit aufeinander, und in der Empfindungshektik lässt sich bald nichts mehr differenziert wahrnehmen. Wir werden Teil seiner Manie und seines tiefen Falls in die Depression.


Ich rannte durch die Stadt, und die Stadt war verrückt geworden. Der Mob aus Zeichen und Bildern schoss aus allen Ecken auf mich zu. Geschickt wich ich aus, wo ich konnte, hatte aber keine Chance, gegen diese Masse zu bestehen. Ich war eine Gamefigur, die beschossen wurde, aber wovon genau? Thomas Melle


"Dass Georg Scharegg zuletzt von seinen Kollegen auf der Autorenlesung nur in Frischhaltefolie präsentiert werden kann, zeigt ..., wie genau, plausibel und am Ende trotz aller Unaufgeregtheit auch packend dieser einstündige Theaterabend das Grundproblem seines Stoffs bearbeitet: Wer seine Psyche zu Kunst werden lässt, ist als Person schutzlos. Das gilt nicht nur für manisch-depressive Schriftsteller wie Thomas Melle." Berliner Morgenpost


… eine performative Lesung, die großartig gelungen ist. Statt sich an einer Übersetzung ins Einfühlungsspiel zu versuchen, halten die drei Performer stets Distanz zum Text, in dem Melle ja seine manisch-depressive Erkrankung mit staunenswerter Sprachkraft umkreist. Diesen Gestus der permanenten Selbstbeobachtung bewahren Unbehaun, Schwalm und Scharegg – und gerade dadurch dringen sie zum Kern des Romans vor. Der Tagesspiegel


Von und mit Georg Scharegg / Cornelius Schwalm / Verena Unbehaun Technik Stephan Mäusel Gefördert durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa Dank an Mariakron / Studio Raketa / Dagmar Morath Rechte “Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle ist im Rowohlt Verlag Berlin erschienen

Thomas Melle wurde1975 in Bonn geboren, studierte in Tübingen, Texas und Berlin Literaturwissenschaften und Philosophie. Seit 1997 lebt er in Berlin. Er schrieb Theaterstücke und Prosa, nahm 2006 am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. 2008 erhielt er die Förderpreise der Länder Bremen und Nordrhein-Westfalen. Der Roman „Sickster“ wurde für den Deutschen Buchpreis 2011 nominiert; „3000 Euro“ stand 2014 auf der Shortlist des.Buchpreises. Der im August 2016 erschienene Bericht „Die Welt im Rücken“ wurde im März 2017 am Wiener uraufgeführt.

Kartenpreise € 15,- / ermäßigt € 9,-