DEMETRIUS / TROLLFABRIK

Jan
2016

Schiller skizzierte im Fragment Demetrius die Geschichte eines falschen russischen Zaren, der sich für den richtigen hält. Getragen von einer öffentlichen Meinung, die weniger auf Beweisen als auf seiner Überzeugungskraft vermittels seines festen Glaubens an sich ruht, erobert er siegreich den Kreml. Die Herzen fliegen ihm zu. Die Nachricht, dass er getäuscht wurde, kommt sehr spät und kann ihn von seinem eingeschlagenen machtpolitischen Weg nicht mehr abbringen.

Der Reiz des textlichen Materials ist gerade das Skizzenhafte. Ein auf Wirkungs- und Spannungsdramaturgie geschulter Autor hinterlässt im Wesentlichen Überlegungen, dramatische Skizzen, die mit aktuellem Material gefüllt und weitergeführt werden können. Zwischen Schillers Menschen- und Rezeptionsstudien und heutigen propagandistischen Strategien, zu denen auch die sogenannten Trollfabriken gehören, lassen sich Parallelen ziehen. Bezahlte schreibende Tagelöhner überrollen Netzwerke und Kommentarseiten, provozieren und produzieren die gewollte Lesart im Sinne der Auftraggeber in Regierungen und Konzernen. Ihre Ziele entsprechen denen vieler Nachrichten- und Bildagenturen und mehr oder weniger subtil gelenkter Sender weltweit. Die identifikatorischen Muster sind eindeutig; eine Festlegung auf eindeutig Gutes und Böses ist Staatsräson.

Der ambivalente Held, der nicht mehr zur Ehrlichkeit zurückfindet, entspricht dem Typus des Staatslenkers, der seinem nachrichtlich produzierten Bild zu folgen hat. Entsprechend unternimmt der TD in seiner neuesten Eigenproduktion eine Stoffsuche in Nachrichtenbildern, Imagekampagnen und den Waffenarsenalen der Informationskriege, um einem heutigen Narrativ des gespaltenen Individuums Demetrius auf die Spur zu kommen.

Zum radioeins-Interview mit Georg Scharegg... (verfügbar bis 29.01.2016)


Mit Leopold Hornung / Marc Ottiker / Cornelius Schwalm / Sylvia Schwarz / Kirstin Warnke Regie Georg Scharegg Raum / Video Swen Erik Scheuerling / Camila Puls de la Cruz Kostüme Elena Gaus Regieassistenz Charlotte Sofia Garraway Grafik Christiane Patic Fotografie Malina Ebert Fotomotiv Reitschule Kawashima Presse Kerstin Böttcher Produktion Theaterdiscounter Medienpartner n-ost Gefördert aus Mitteln der Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten

Im Anschluss an die Vorstellung vom 22. Januar findet eine Publikums- und Expertendiskussion in Zusammenarbeit mit dem Journalismus-Netzwerk n-ost statt.

Georg Scharegg, Schauspieler und Regisseur, gründete 2003 mit mehreren Mitstreitern das freie Produktionshaus Theaterdiscounter. Das Label war zunächst eine Art Manifest, das auf die Produktionsbedingungen ohne Förderungen und Infrastruktur hinwies. Im Spielplan des TD inszenierte er regelmäßig Produktionen, zuletzt Tasso-die Kunst des Redens über die Kunst. In der Schweiz entstanden und tourten 2013 die Produktionen Die Fremdenindustrie und 2015 Mamma Helvetia als dokumentarisch-theatrale Recherchen.

Kartenpreise € 13,- / ermäßigt € 8,-