Coriolan! Ist Panzer des Jahres! Ist Opfer der Woche! (Oliver Schmaering)

Okt
2007

- von Oliver Schmaering // Uraufführung

Die Vorlage zu dieser Auftragsarbeit für den Theaterdiscounter liefert Shakespeares Spätwerk Coriolanus, das die antike Erzählung vom siegreichen Feldherrn aufgreift, der nach innenpolitischen Anfeindungen seinem Staat den Rücken kehrt, um auf der Seite des Feindes gegen die einstige Heimat zu kämpfen. Coriolan ist.

Statt die antike Coriolan-Story nachzuerzählen stellt die Neufassung fünf Kreative auf, deren Profession es ist, den Coriolan der Jetztzeit zu (er)finden. Im Wissen um die Manipulierbarkeit von Meinungsbildungsprozessen entwerfen sie zwischen Fußballplatz und Volksversammlung leichthändig ihr Bild vom Mächtigen, einen Coriolan als Weltbesten aller Klassen, als absoluten Feind, als ultimativen Propheten, als Medienereignis, das nicht nur ihren Lebensunterhalt sichert sondern zunehmend ihr Leben infiltriert. Im Newsticker-Tempo kreieren sie einen Hype, der sie zunehmend selbst in Bann schlägt. Coriolan ist?

In Schmaerings Stück glänzt Coriolan durch Abwesenheit und lässt so seine Gegner und Mitspieler in ein Netz selbst geschaffener Verstrickungen stolpern. Er ist der Alpha-Avatar um den herum eine neue Welt gesponnen wird, die der unsrigen nicht so unähnlich ist: Während die Wirtschaft foult und die Regierung auf Zeit spielt, tingelt er durch die Führungseliten, segelt an goldenen Fallschirmen und liefert die Projektionsfläche für Zukunftsvisionen und Existenzängste. Das so genannte Prekariat verflucht den Mythos seiner ruhmreichen Taten. Coriolan ist.

Ob des Scheiterns aller Welterklärungsversuche und nach dem Ausverkauf der Kapitalismuskritik hat es sich eine kleine Boheme, die schon seit gut 2000 Jahren Espressomaschinen mit Milchaufschäumer hat, in den Verhältnissen eingerichtet. Man ist stets online in retrodesignten Wohnarrangements und nennt es Arbeit oder Second Life. Verheißungsvolles Leben am Ende der Vollbeschäftigung, dass sich gut anfühlt, solange die Vision lebt. Doch was, wenn die Realität auf Gegendarstellung pocht? Coriolan ist!


Mit Helene Grass / Angelika Hofstetter / Jaron Löwenberg / Matthias Rott / Nathalie Schuh / Teo Vadersen Regie Georg Scharegg Text Oliver Schmaering Sounds Bert Wrede Raum Gregor Sturm Kostüm Nina Kramer Dramaturgie / Produktion Michael Müller Licht Bertil Brakemeier Ton Oliver Szewc Regieassistenz Simon Mann Bühnenbildassistenz Anne Leuner